„Fragen an den Grenzen des Lebens“. Tischgespräch mit Fulbert Steffensky am Donnerstag, 24. September, 19:30

Ein Bericht kann immer nur Fragment sein. Die Sprache des Berichtens kann nie die Gesamtheit eines Augenblickes erfassen: das Gefühl, die Stimmung, das Gehörte, das Gesehene, das Gespürte. Die Buchstaben bleiben immer Bruchstück des Erlebten und können nie das Ganze einfangen, über das berichtet werden soll. Dies gilt ganz besonders für den hier vorliegenden Bericht, der das Tischgespräch mit Fulbert Steffensky zu verstehen versucht und Einblick geben will, über den Vortrag „Fragen an den Grenzen des Lebens. Ganzheit im Fragment“. Eingeladen wurde der bekannte Theologe von Bruder Ansgar Schmidt, OSB, aus der Abtei St. Matthias, der den Redner mit seiner sprachlichen Klarheit und Kreativität (z.B. Steffenskys Werk „Schwarzbrot-Theologie“) vorstellte und dem Verein sredna-herzjesu e.V. Ralf Schmitz erklärte in seiner Begrüßung, dass die sredna_osterzeit 2020 unter der Überschrift „auf Leben und Tod. und leben…“ stehen sollte. Niemand konnte bei der Planung erahnen, dass Corona diesem Thema eine besondere Brisanz und Aktualität geben würde. Die Regeln zur Corona-Prävention schaffen Fragmente – auch an diesem Abend. Auch dieser Bericht bleibt fragmentarisch, bis in die Zitate.

Fulbert Steffensky braucht einen Stock, um zu gehen. Er wirkt auf den ersten Blick gebeugt und leicht zittrig. Er geht zum Pult, schaut sein Publikum an und ist da. Absolute Präsenz. Vielleicht einer der wenigen Momente der Ganzheit an diesem Abend. Er spricht eindringlich und mit klarer Stimme. Fulbert Steffensky entwirft keine Theologie des Todes. Er beginnt seine Rede ganz persönlich und sagt: „Mein Vortrag ist geprägt von Gedanken, Einsichten und Erfahrungen.“

Fulbert Steffensky weiß um die Endlichkeit des Lebens, berichtet von Freunden, seiner Frau, von deren Altern und dem Sterben. Er lässt seine Zuhörerinnen daran teilhaben, wie es einem Menschen ergeht, der schwer erkrankt: „Der schwer Erkrankte ist perspektivlos. Er ist nicht mehr ebenbürtig. Er wird zum Thema von Ärzten und Familie. Beziehungen verschieben sich. Es gibt einen Verlust von Alltag.“

Während der Kranke veräußert wird, also sein Leiden zum Thema aller Gespräche und seines Lebens wird, ist der Kranke stets auf sich selbst verworfen und sich immer seiner selbst bewusst. Steffensky sagt: „Der Kranke vergegenwärtigt sich selbst.“ Er ist ständig Gast in seinem Leben, dem Unglück der Krankheit ausgeliefert. Das kann zu Verbitterung und zu Wahn führen, zu einem zwanghaften Verhalten, indem man auf die eigene Situation nur noch mit einem Hasswahn reagiert. Durch diese ständige Verwiesenheit auf sich selbst, stellt sich der Kranke die Frage: „Bin ich selbst schuld an meiner Krankheit?“

Diese Schuldfrage ist ein Wendepunkt in Fulbert Steffenskys Gedanken. Er verbindet sie mit der Frage, ob Krankheit eine Chance ist. Die Schuldfrage offenbart einen Totalitätsgedanken: „Ich bin für mein ganzes Leben verantwortlich.“ Damit auch meine Krankheit. Das ist die Grammatik der Schuldfrage: Der Mensch als Subjekt seines Lebens ist in der Schuldfrage Handelnder, Verantwortlicher seines Lebens. Als Kranker erfährt er, dass er nicht mehr Agens, sondern Patiens seines Lebens ist, passiv und Objekt der Handlungen.

Steffensky antwortet auf die Schuldfrage nicht theologisch, sondern zitiert aus Christa Wolfs epochalen Werk Kassandra: Jeder Krieger muss aufhören können, zu siegen. Nicht aufhören zu können mit Siegen heißt, ständig im Aktionsmodus zu sein und das Scheitern im eigenen Leben nicht zulassen zu können. Steffensky formuliert in diesem Zusammenhang einen Gedanken, dessen Sprengkraft man nur langsam gewahr wird. Und das liegt vor allem darin, dass wir in unserem Alltag und dem Druck, dem wir ausgesetzt sind, zum Erfolg verdammt sind. Wir müssen unseren Alltag, unsere Arbeit als Erfolg verkaufen.

Steffensky reagiert gelassen darauf: „Wenn ich mir mein Leben anschaue, dann ist das meiste nur halb gelungen und das ist schon sehr viel.“ Wenn der Mensch im Aktionsmodus ist, will er das Scheitern nicht zulassen. Dann kann er aber auch das Kranksein und das Sterben nicht zu lassen, etwas, was aber der äußeren Befristung unseres Daseins entspricht.

Der Mensch erfährt sich in der Krankheit als bedürftiges Wesen: Er kann sich nicht selbst gebären, retten, er ist nicht der Souverän seines Lebens. Ihm bietet sich aber eine Alternative: die bejahte Bedürftigkeit. Der schwer Erkrankte kann lernen, dass er sich selbst nicht rechtfertigen kann, er kann sich der Hoffnungslosigkeit der Krise nur mit Dankbarkeit, Gnade und seiner Bruchstückhaftigkeit ergeben.

Dankbarkeit für die Dinge, die man vorher für selbstverständlich ansah: wie jeden neuen Tag. Gnade, sich seiner Bedürftigkeit bejahend zu ergeben und sich in die Hände anderer zu begeben, die für einen sorgen. Und sich selbst – und dieser Satz durchzieht Fulbert Steffensky Vortrag – als Fragment erfahren, dass die eigene Ganzheit immer Fragment ist.

An dieser Stelle wird Fulbert Steffensky theologisch im besten Sinne: Er spendet Hoffnung! Wir alle sind chaotische Wesen, die wie ein Mosaik zusammengesetzt sind, wir müssen uns nicht verstehen, nicht ganz sein, wir sind Fragment. Und es ist Gott, der die Gesamtheit und Ganzheit ist – und nur er ist es, der uns als Mensch ganz machen kann. Nicht wir. Das befreit! Denn es macht klar, so sehr wir es auch versuchen: Wir sind nicht die Souveräne unseres eigenen Lebens.

Wer versucht, ständig im Aktionsmodus diese Gesamtheit für sich selbst unter Beweis zu stellen, dessen Glaube zerbricht, da er an den Totalitätserwartungen an sich selbst nur scheitern kann. Das heißt es, wie Steffensky schon aus Christa Wolfs Kassandra zitierte, nicht aufhören können zu siegen. Der Mensch hat ein Recht auf Niederlage und der Glaube bietet die Hoffnung, dass es ein Land gibt, in der der Durst gestillt wird, der Blinde wieder sehen kann und der Lahme wieder tanzen kann.

Bejahte und gelernte Bedürftigkeit, sich nicht als Souverän seines Lebens zu verstehen, bietet eine Chance für die Gegenwart. Steffensky versucht es mit einer Formel zu verdeutlichen: „Minderung der Aggressivität, Zulassen neuer Intimität.“ Die Minderung der Aggressivität bedeutet für ihn dankbar sein, nicht aggressiv darauf schauen, was nicht gelungen ist im Leben, sondern auf das was zum Teil, zur Hälfte gelungen ist: „Wenn ich mir mein Leben anschaue. Dann ist das meiste nur halb gelungen und das ist schon sehr viel.“

Verminderte Aggressivität heißt Reue zu zeigen: Seine eigene Verrate nicht verdinglichen. Sich selbst als Subjekt seiner Taten und Untaten zu verstehen. Sein Scheitern zulassen. Viele Dinge sind im Leben nicht halb gelungen oder nicht gelungen. Der Mensch ist nur Fragment.

Zulassen neuer Intimität bedeutet Resignation. Für Steffensky bedeutet Resignation nicht aufgeben, frustriert oder gescheitert sein, sondern selbstbewusst und frei die Krone und die damit verbundene Macht niederzulegen, abzudanken. Die Kinder und die junge Generationen ihre Wege gehen zu lassen. Das bedeutet auch, sich von der Forderung zu verabschieden, dass die Jungen das fortführen sollen, was man selbst nicht vollenden konnte. Und das heißt auch, seinen Glauben als gebrochen anzuerkennen.

Steffensky endet seinen Vortrag mit der Frage, ob er Angst vorm Sterben habe. Er antwortet mit nein, um schmunzelnd hinzuzufügen, dass er sich dieses Nein selbst nicht ganz abnimmt. Er findet den Gedanken tröstlich, dass ihm das Sterben nicht gelingen muss. Er muss nicht mutig sein. Er erzählt von der Erfahrung, dass so viele es vor ihm geschafft haben, zu sterben – und dass ihn diese Erfahrung gelassen macht, dass es ihm auch gelingen kann. Er darf zweifeln. Er ist Fragment. Und was bleibt nach dem Tod? Gott bleibt, er trocknet jede Träne. Aber man selbst werde sich selbst nie erfassen, ohne im Schoß Gottes gewesen zu sein.

Am Ende steht die Gnade Gottes – die er mit „heiterer Geselligkeit“ übersetzt. Die Gnade eines Gottes, der liebt.

Fulbert Steffensky bleibt noch lange – auch bei der anschließenden Begegnung, die – trotz Corona-Prävention – stattfindet. Er genießt Olewiger Wein, der ihn an seine Kindheit erinnert, weil er eine Tante besuchte, die Borromäerin im Olewiger Kloster war. Er sagt dankbar, wie sehr ihn das Format des Tischgesprächs und die Atmosphäre in der Kirche begeistert. Ein Erfahrung von Gnade – von der Geselligkeit Gottes.

An diesem Abend, der trotz der dankbaren Rückmeldungen der Zuhörerinnen Fragment bleibt, entsteht zum Bruchstückhaften ein Resonanzkörper. Gabriel Moll improvisiert auf der Orgel Melodien. Melodien, die sich im Kampf des Nicht-Scheiternwollens übertönen, schräg klingen und sich chaotisch auslöschen. Auf einmal ergibt sich aus den Fragmenten scheiternder Melodien eine Differenz im Hintergrund. Ein negativer, nicht positiv oder klar identifizierbarer Effekt breitet sich in den Zwischenräumen der Töne aus: hinter all dem Chaos ist eine Melodie zu erahnen. Vielleicht ist dieses tonale Fragment Gott gewesen, der an diesem Abend in der tröstenden Botschaft, dass wir Fragment sein dürfen, anwesend ist.

Bericht: Marc-Bernhard Gleißner

Herzlichen Dank für die Überlassung der Bilder an Claude Muller, Marc-Bernhard Gleißner und Hans-Peter Limper.

Zum Weiterlesen:

Fulbert Steffensky: Fassen, was nicht zu fassen ist.
Vortrag bei den 19. Süddeutschen Hospiztagen Juli 2018, Hohenheim

Fulbert Steffensky: Ich werde immer heidnischer.
ZEIT-Interview mit Patrick Schwarz vom 13. Juli 2018

 

 

Fulbert Steffensky (* 1933) war Mönch der Abtei Maria Laach und Mitbegründer des „Politischen Nachtgebets“ in Köln (1968-72). Er studierte katholische und evangelische Theologie. 1969 konvertierte er zum lutherischen Bekenntnis und heiratete die evangelische Theologin Dorothee Sölle (+ 2003). Bis 1998 war er Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Heute lebt Fulbert Steffensky mit seiner zweiten Frau, der römisch-katholischen Theologin Li Hangartner, in Luzern. 

Eine mutige und erfrischend klare Sprache kennzeichnet seine Bücher, Artikel und Vorträge. Seine profunde Kenntnis der katholischen und der protestantischen Theologie sowie seine Biographie haben ihn wie kaum einen anderen befähigt, die beiden sich immer noch gegeneinander abgrenzenden christlichen Traditionen in unserem Land als sich korrigierend und ergänzend zu begreifen und zu vermitteln. Schon lange tritt er für ein gemeinsames Abendmahl von katholischen und evangelischen Christen ein. 

Gespannt dürfen wir sein, welche „Fragen an den Grenzen des Lebens“ Fulbert Steffensky – dieser Grenze selbst durchaus nah – stellt und wie er mit ihnen umgeht. Es lohnt, am „tisch_gespräch“ am 24. September dabei zu sein; dessen bin ich sicher.

Bruder Ansgar Schmidt OSB
Abtei St. Matthias Trier

 

 

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