Von Dornen und Disteln – Kreuzweg mit 14 Stationen von Wilhelm Tophinke – und mit symbolischen Pflanzen- und Kräuterdarstellungen von Heinrich Feld

„Durch die seit den Zeiten ihres Ordensgründers im Heiligen Land tätigen Franziskaner kam im 15. Jahrhundert die Kreuzwegandacht ins Abendland.
Die ur­sprünglich sieben Stationen wurden im 17. Jahrhun­dert auf  vierzehn erweitert. Sieben der vierzehn Ge­dächtnisstätten haben ihre Grundlage in den Evangelien, sechs von ihnen wurden aus der Passionsgeschichte erschlossen, lediglich eine, die VI.  Station, geht auf eine fromme Legende zurück. Spätestens Anfang des 18. )Jahrhunderts finden sich Kreuzwegdarstel­lungen auch  im Kircheninnern.

Im September 1955 beschloss der Kirchenvorstand der Pfarrei Herz Jesu, einen von Bildhauer Wilhelm Tophinke aus Brühl, angebotenen Kreuzweg in Auftrag zu geben, nach Prüfung durch den Konservator Dr. Thomas, der diesen Kreuzweg gut befunden hat.

ln der Fastenzeit 1995 hat Maler Heinrich Feld, Trier, diesen Kreuzweg farbig gefaßt und die Stationen mit Pflanzen versehen, die zu den jeweiligen Darstellun­gen in Beziehung stehen.

Pfarrer Frank-Oliver Hahn, Wolsfeld, hat unseren Kreuzweg fotografiert. Zu jeder Station habe ich einen Text zur Besinnung geschrieben. Die Texte schließen jeweils mit einer Strophe aus dem Kreuzweglied, das im „Gotteslob“ von 1975 unter der Nr. 185 steht und dessen Text von Maria Luise Thurmair stammt.“

Trier, am St.-Anna-Tag 1995
Dechant Werner Mathieu

aus: Werner Mathieu, Dornen und Disteln. Betrachtungen zum Kreuzweg in der Herz-Jesu-Kirche. Hg: Kath. Pfarramt Herz-Jesu Trier. 1995
Wir geben im folgenden die Texte dieser Broschüre wieder,
ergänzt um einige Original-Anmerkungen des Künstlers Heinrich Feld (HF).

1. Station

Jesus wird zum Tod verurteilt

Pontius PiIatus, von 26 bis 36 Präfekt in Judäa , war ein tüchtiger Diplomat und ein rücksichtsloser  und bruta­ler Antisemit. Er erkennt, daß die Anklage, Jesus sei ein politischer Rebell, nicht stimmt. Läßt er ihn aber frei, riskiert er eine peinliche Anklage in Rom. PiIatus verur­teilt Jesus wegen Verletzung der römischen Majestät. Darauf steht dieTodesstrafe. PiIatus ist der Henker Jesu.
Die Lilie ist Symbol der Unschuld. Jesus wird verurteilt wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hat. ln der Bergpredigt weist Jesus auf die Lilien hin, die nicht arbeiten und nicht spinnen und doch prächtig ge­kleidet sind. So sollten auch wir uns nicht um unser Le­ben sorgen. Unser himmlischer Vater weiß, was wir brauchen. Jesus vertraut dem Vater. Mit Gelassenheil und Würde erträgt er die Ungerechtigkeit des PiIatus.

„Du schweigst, Herr, da der Richter feige das ungerechte Urteil fällt;
wenn du einst richten wirst, dann zeige dich voll Erbarmen dieser Welt.“

Lilie: Symbol der Unschuld und der Reinheit, der Jungfräulichkeit und der Gnade. „Wenn in der Bergpredigt auf die Lilien des Feldes hingewiesen wird, die nicht arbeiten und nicht spinnen (Mt 6,28), dann lässt sich aus dem Bild der Lilie auch die vertrauensvolle Hingabe an den Willen Gottes herauslesen. (HF)

 

2. Station

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Pilatus übergibt Jesus nach dem Urteilsspruch dem Exekutionskommando, vier Legionären und einem Hauptmann. Jesus wird der Querbalken des Kreuzes aufgelegt. Den Zuschauern am Straßenrand gibt eine hölzerne Tafel, die dem Verurteilten um den Hals hängt, das Verbrechen bekannt, dessen er angeklagt wurde: König der Juden. Mit einer Dornenkrone haben sie Jesus verhöhnt.
Dornen haben ihn verletzt. Aus dem Dornbusch hat Gott Mose angerufen. Mose antwortete: „Hier bin ich.“ Wie Mose, sagt Jesus zum Vater: „Hier bin ich.“ Aus freiem Willen unterwirft er sich dem Leiden.

„Du hast das Kreuz auf dich genommen, die schwere Schuld der ganzen Welt; wenn Not und Ängste auf uns kommen, sei es dein Kreuz, Herr, das uns hält.“

Dornensträucher jeglicher ArtSinnbild der Sünde, die Christus daher mit Schmerzen trägt. Sie werden zum Symbol der Erlösung, wenn sie durch die Berührung mit dem Herrn geheiligt werden. Der brennende Dornbusch des Alten Testamentes kommt in den Sinn, die Dornenkrone im Neuen Testament. (HF)

3. Station

Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Daß Jesus unter dem Kreuz zusammenbricht, ist kein Wunder; eher schon, daß er wieder aufsteht. Schon die Geißelungen wa ren nicht selten tödlich.
Der Stechginster, ein stacheltragender Strauch, ist wie die Distel, ein Hinweis auf die Sünde Adams. „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Dornen und Disteln läßt er dir wachsen“ (Gen 3, 1 7).
„Jesus hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen“ (1. Petr 2, 24). Durch sein Lei­den am Kreuz tilgt Jesus die Schuld der Menschen und versöhnt die Welt mit Gott. „Denn wie in Adam alle sterben, so werden inChristus alle lebendig gemacht werden“ (1. Kor 15,22).

„O Herr, du wankst und sinkst zur Erde, die Last der Sünden wirft dich hin; gib, daß dein Fall mir Stärkung werde, sooft ich schwach und elend bin.“

Stechginster: Ein Hinweis auf die Verfehlungen des Menschen, dessen Acker Dornen und Disteln tragen muss, aber auch ein Hinweis auf das stellvertretende Leiden Christi. Die dornentragende Art des Ginsters ist eines der Marterwerkzeuge des Herrn. (HF)

 

4. Station

Jesus begegnet seiner Mutter

Von einer Begegnung Jesu mit seiner Mutter auf dem Weg nach Golgotha steht in der Bibel nichts. Es gibt aber zwischen Müttern und Kindern eine geheimnis­ volle Verbindung, die räumliche Trennung überwindet. Mütter wissen, wenn ihre Kinder leiden, und sie leiden mit.
Neben dem Bild der Begegnung sehen wir Erdbeeren. Die Fünfzahl der Blütenblätter weist hin auf die fünf Wunden des Herrn. Die blutroten Früchte erinnern an die Blutstropfen Jesu. Sie erinnern an das Herz Ma­riens, das geblutet hat, weil ihr Sohn gequält wurde.

„0 Mutter, die den Sohn gesehen am Weg der Schmach und bittern Pein, erfleh‘ uns Kraft, mit ihm zu gehen und seinem Kreuze nah zu sein.“

Erdbeere: Sinnbild der Bescheidenheit. Die blutrot zur Erd geneigte Frucht ist ein Sinnbild für den Blutstropfen Jesu, die Fünfzahl der Blütenblätter ein Andenken an die fünf Wunden Christi und das Dreiblatt der Erdbeere ein Zeichen der Dreieinigkeit. (HF)

5. Station

Sirnon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Papst Leo der Croße (+ 461) sieht in der Hilfe des Si­mon von Cyrene den Glauben der Heiden dargestellt, weil er ein Fremder war, kein Bewohner Jerusalems. Das mag man so sehen. Dann aber schreibt er: „Kein Hebräer oder Israelit sollte sich unter das Kreuz des Er­lösers beugen.“ Hier irrt Papst Leo. Simon stammt zwar aus der nordafrikanischen Hafenstadt Cyrene, aber er war Israelit, ein  Diasporajude, der  zum  Paschafest nach Jerusalem gekommen war. Widerwillig folgt er dem Befehl der Soldaten und hilft Jesus das Kreuz tragen.
Das Veilchen ist Sinnbild der Demut. Demütig erträgt Jesus, daß ihm geholfen wird von einem, der gar nicht helfen will.

„Es half dir einer, den sie zwangen, und beugt sich unters Holz der Schmach; gib, daß wir unser Kreuz umfangen und dir in Liebe folgen nach.“

Veilchen: Sinnbild der Demut. Die Farbe violett ist die Farbe der Passion, auch der Passion Christi. (HF)

 

6. Station

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Wenn im Herbst die Blätter sich färben und dann fal­len, bleibt das Efeu grün. Veronika, wir, bekommen mehr als ein Tuch mit dem Abdruck des entstellten Ant­litzes unseres Herrn. Wir haben ihn gegenwärtig in der Eucharistie, in seinem Wert, in all denen, die gequält und zerschunden sind. Jesu Liebe bleibt. Jesus ist treu.

„Herr, präge uns dein Angesichte für immer tief ins Herz hinein, und wenn es aufstrahlt im Gerichte, so laß es uns zum Heile sein.“

Efeu:  Sinnbild der Liebe, Treue und Freundschaft. Efeu wurde zum Sinnbild des Lebens in Christus, das immerdar grünt. (HF)

7. Station

Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Die Disteln neben dem Bild des am Boden liegenden Herrn sind Sinnbild seiner Schmerzen, seiner körperli­chen und seelischen Qualen. Es waren ja nicht nur die heidnischen Soldaten, die ihn peinigten, es waren seine Freunde, die ihn im Stich ließen. Die Jünger waren weggelaufen, Petrus hat ihn verleugnet, Judas hat ihn verraten. Jesus liegt am Boden.

„Die Kraft verläßt dich, du fällst nieder zum zweiten Mal; das Kreuz ist schwer. Ich falle und ich falle wieder; in meiner Schwachheil hilf mir, Herr.“

Distel: Sinnbild irdischer Schmerzen. Die Distel weist auf die Leiden Christi hin, die Christus freiwillig auf sich genommen hat. So wird sie zu einem Erlösungssymbol (HF).

 

8. Station

Jesus begegnet den weinenden Frauen

Die Nachricht von der Verurteilung dreier Zeloten, un­ter ihnen jener rebellische Rabbi aus Galiläa, verbrei­tete sich wie ein Lauffeuer. Aus allen vier Himmelsrich­tungen strömen die Menschen zusammen. Junge und Alte, Männer und Frauen, Einheimische und Pilger. Ihre Reaktion ist gespalten: die einen beschimpfen die Verurteilten, die anderen schweigen, die Mehrheit ver­mutlich. Andere helfen. Frauen kümmern sich um die drei Elendsgestalten, reichen Erfrischungen und folgen klagend. Das Mitleid der Frauen ist für Jesus wie hei­lendes Öl, das Schmerzen lindert. Zu Noe in die Arche kam am Ende der Sintflut eine Taube mit einem fri­schen Ölbaumblatt als Zeichen, daß die Erde bereit war, ihn wieder aufzunehmen. Im Mitleid der Frauen können wir alle sehen, die Jesus aufnehmen und auf­nahmen. ,,Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1, 12).

„Du redest mahnend mit den Frauen: ,Weint über euch, nicht über mich.‘ Wenn wir dich einst als Richter schauen, Herr Jesus, dann erbarme dich.“

Ölbaum: Sinnbild für Versöhnung und Frieden. Der Ölbaum symbolisiert auch die Tettung der Seele aus der Todesnot. (HF)

9. Station

Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Die Versuchung, nicht mehr aufzustehen, war groß. Warum auch? Wenn schon sterben, dann gleich. Warum sich noch länger quälen lassen. Jesus rafft sich wie­der auf im Vertrauen auf Gott, von dem Jesaja sagt: „Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest. Seht, hier ist euer Gott. Er selbst wird kommen und euch erretten. ln der Wüste brechen Quellen hervor. An dem Ort, wo jetzt Schakale ­sich lagern, gibt es dann Gras, Schilfrohr und Bin­sen“ (Jes  35,6).

„Da liegst  du, wie vom Kreuz erschlagen, erschlagen von der Schuld der Welt. Hilf mir, im Abgrund nicht verzagen und hoffen, daß dein Kreuz mich hält.“

Binse: Symbol der geduldigen Ausdauer im Streben nach Gott.
Rohrstäbe weisen auf die Barmherzigkeit Gottes, der ein geknicktes Rohr nicht zerbricht (Jes 42,3), auf die Verheißung freudvoller Zukunft (Jes 36,5ff) sowie die Verspottung Jesu (Mt 27,29). (HF).

10. Station

Jesus wird seiner Kleider beraubt

Im Unterschied zur sonst üblichen Gepflogenheit kam Rom dem jüdischen Empfinden entgegen und erlaub­te, daß Verurteilte in Judäa bekleidet zur Richtstätte hinausgeführt wurden. Nun ist Jesus auf Golgota ange­kommen. Jetzt wird er seiner Kleider beraubt. Nach se inem Tod werden sie per Los verteilt. Jesus ist zum Beuteobjekt degradiert.
Die Malve ist Sinnbild der Vergebung. Im Altertum hat man ein Malvenblatt überreicht, wenn man um Verge­bung bitten wollte. Auch wir bitten Jesus um Verge­bung.

„Herr, unsre Schuld hat dich verraten; sie ist’s, die dich in Schande stößt. Bedecke uns mit deinen Gnaden, da wir so schmählich dich entblößt.“

Malve: Sinnbild für die Bitte um Vergebung und deren Gewährung (HF).

 

11. Station

Jesus wird an das Kreuz genagelt

Mit zerschlagenem  Körper muß der Verurteilte sich mit den Armen auf dem Querholz ausstrecken, damit die Henker ihn annageln können. Nägel werden durch die Handgelenke getrieben.  So am Querbalken  befestigt, wird Jesus an einem feststehenden Pfahl hochgezogen. Dann werden die Füße angenagelt. Drei Stunden dau­ert es bis zum Tod.
Die Früchte der Nelken sehen aus wie Nägel. So wird die Nelke zum Symbol der Passion.

„Du wirst, o Herr, ans Kreuz geschlagen, wirst hingeopfert wie ein Lamm; du hast die Schuld der Welt getragen bis an des Kreuzes harten Stamm.“

 Nelken: Jesus wird an das Kreuz genagelt. Die Nelke, auch „das Näglein“ genannt weist in Blatt und Frucht auf die Nägel der Kreuzigung hin, so dass sie zum Symbol der Passion wurde (HF).

 

12. Station

Jesus stirbt am Kreuz

Äußerlich gesehen ist der Tod Jesu unspektakulär, dem Tod von Millionen Menschen gleich, in seiner Tiefen­schicht jedoch ein welterschütterndes, ja das welten­wendende Ereignis. Mit dem Tod Jesu bricht bereits hier und jetzt die Endzeit an und mit ihm die verheißene Auferweckung der Toten. Jesu Tod beireit uns von Schuld und versöhnt uns mit Gott.
„Entsündige mrt Ysop, dann werde ich rein, wasche mich, dann werde ich weiß wie Schnee“, heißt es im Psalm 51. Jesus ist der Hohepriester, der mit seinem eigenen Blut uns ewige Erlösung bewirkt hat.

„Dein Kreuz, o Herr, will ich erheben und benedeien deinen Tod. Von diesem Holz kam uns das Leben und kam uns Freude in der Not“.

Ysop: Symbol der Reinigung und der Bußfertigkeit. (Ps 51,9). HF

 

13. Station

Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Das Bild der Schmerzhaften Mutter mit ihrem loten Sohn ist uns von vielen Wallfahrtsorten bekannt. Wir sehen es in Klausen, in Bornhafen und in Blieskastel. Viele Menschen finden seit Jahrhunderten vor diesem Bild Trost. Hier ist es geschmückt mit Lorbeeren. Der Lorbeer ist Zeichen des Sieges. „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1. Kor 15, 55). ln der frühen Christenheil wurden die Toten auf Lorbeerblätter ge­bettet.
„Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden “ (Röm 6, 8).

„0 seht die Mutter voller Schmerzen, wie sie den Sohn in Armen hält. Sie fühlt das Schwert in ihrem Herzen, trägt mit am Leid der ganzen Welt.“

 Lorbeer: Sinnbild der Unsterblichkeit. In frühchristlicher Zeit wurden die Toten auf Lorbeer gebetet, denn diejenigen, die in Christus Verstorbenen hören nicht auf zu leben (HF).

 

14. Station

Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt

Der Leichnam Jesu liegt im Grab. Das Grab aber die 14. Station, ist nicht Endstation. Die aufgehende Sonne, die große Kerze, weisen hin auf Ostern. Neben dem Bild der Steinbrech, ein anspruchsloses Heil­kraut, das auch in Felsspalten wächst. Weil es so aussieht, als ob es den Fels spaltet, wurde es zum Sinnbild des auferstandenen Jesus, dem „kein Felsen widerstehen kann“, wie wir in einem Osterlied singen.

„Er wird der Erde übergeben, wie man den Weilen bettet ein,
doch wird er auferstehn und leben und über alles herrlich sein.“

Steinbrech: Symbol der Auferstehung. „Weil das Heilkraut auch in Felsspalten wächst und weil es so aussieht, als habe die Pflanze den Fels gespalten, wurde es zum Sinnbild Christi, vor dem die Felsen zerspringen. (HF)

 

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