Mit Haut und Haaren? Engagement zwischen Identifikation und Widerstand“. Tisch_gespräch mit Regina Görner am Donnerstag, 15. September, 20 Uhr

Von einer die auszog, um Frustrationstoleranz zu lehren
Dr. Regina Görner ist Gewerkschaftlerin und Politikerin (CDU). Von 1999 bis 2004 war sie Ministerin für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales im Saarland. Von 2000 bis 2016 gehörte sie dem CDU-Bundesvorstand an. 2010 trat sie den Lesben und Schwulen in der Union (LSU) als Zeichen gegen Diskriminierung bei, ohne jedoch selbst lesbisch zu sein. Allein diese kurze biographische Notiz zeigt, dass Regina Görner es sich nicht einfach macht. Wer sich für unsere Gesellschaft in großen Organisationen einsetzt, der muss lernen mit Niederlagen umzugehen. Über Frustrationstoleranz sprach sie am 15. September in Herz Jesu beim tisch_gespräch „Mit Haut und Haaren? Engagement zwischen Identifikation und Widerstand“, das von der Abtei St. Matthias und dem Verein sredna-herzjesu e.V.  organisiert wurde.

 

Seit 2008 ist Regina Görner auf Facebook. Ein tolles Medium, findet sie, da es Teilhabe an Informationen und Diskussion ermöglicht. Gleichzeitig aber auch ein Medium, indem sich eine seltsame Kommunikation breit macht: Oft verfahren User der Plattform nach der Maxime „Willst Du nicht meiner Meinung sein, dann schlag ich Dir – verbal – die Birne ein.“ Eine Einstellung, die Regina Görner zum Widersprechen aufruft: „Was mittlerweile alles durch die Protagonisten einer Political Incorrectness sich an Sprechweisen auf Facebook etabliert hat, braucht Widerspruch. Überall dort, wo die Debattenkultur entmenschlicht, muss jemand da sein und sagen, dass das so nicht geht. Es kann nicht sein, dass wenn Menschen unterschiedlicher Meinung sind, gleich verbal unter die Gürtellinie geschlagen wird.“ Regina Görner kommentiert und bezieht Stellung für einen fairen Umgang und stellt Dinge klar: Statt Beleidigung, sachliche Auseinandersetzung.

Doch dieser Rekurs auf Facebook ist nur ein Aufhänger über die Frage: Wie kann man sich heute noch in großen Organisationen zusammentun? Je mehr Menschen eine Organisation vertritt, umso mehr stellt man sich als einzelnes Mitglied die Frage: Vertritt diese Organisation noch meine Ziele? Und warum muss ich mich als Einzelner immer hinterfragen lassen und mich für meine Organisation rechtfertigen, auch wenn ich nicht all deren Entscheidungen mittrage? Regina Görner konstatiert: „Da entsteht dann ein Zuwachs an Stress und man stellt sich die Frage, lohnt es sich eigentlich noch sich in einer Partei oder einer Gewerkschaft zu engagieren?“ Regina Görner wirbt darum, es doch zu tun.

Ralf Schmitz hat seine wichtigsten Einsichten des Vortrags von Regina Görner  in 12 Sätzen auf Facebook zusammengefasst:  

  1. Um deine Positionen umzusetzen musst Du Mehrheiten organisieren.
  2. Das demokratische Verfahren produziert manchmal ärgerliche Ergebnisse, mit denen Du nicht zufrieden bist. Es gibt aber weit und breit kein besseres Verfahren.
  3. Abstimmungen zu verlieren ist zwar nicht schön, aber in der Demokratie selbstverständlich.
  4. Mit demokratischen Ergebnissen musst Du leben.
  5. Verlorene Abstimmungen sind nicht der Gradmesser für Erfolg oder Misserfolg. Es kann durchaus sein, dass sich die Meinungen oder die Kultur in einer Großorganisation durch ihre Minderheiten mittelfristig ändern.
  6. Zu einer Minderheit zu gehören, darf Dich mit Stolz und Selbstbewusstsein erfüllen. Widerstehe der Versuchung, Dich in eine Opferrolle hineinzuentwickeln.
  7. Zugehörigkeit setzt keine 100%ige Übereinstimmung voraus. Wer das will, dem bleibt nur die „Ich-Sekte“. Der wird sich voraussichtlich niemand anschließen, weil alle dasselbe für sich beanspruchen.
  8. Wenn Du die Organisation verlässt, schwächst Du die Position, für die Du eintrittst. (Reflexionsfrage: Wer freut sich, wenn Du gehst?)
  9. Kulturwandel braucht Zeit – und dass er sich ereignet, lässt sich nicht in jeder einzelnen Abstimmung ablesen.
  10. Der Kompromiss ist kein Zeichen von Schwachheit, sondern von Stärke. Wenn am Ende alle unzufrieden sind, ist die Chance groß, dass es ein guter Kompromiss ist.
  11. Etwas Biblisches: Ertragt einander! (Kol 3,13).
  12. Leiste Widerstand, wenn es „unter die Gürtellinie“ geht!

 In der Abschlussdiskussion wird noch über das Scheitern der Reformer beim Synodalen Weg diskutiert. Regina Görner hinterfragt die Klage der Unterlegenen: „Sich jetzt selbst zu bemitleiden, hilft doch am allerwenigsten. Immer wenn man verloren hat, muss man sich neu formieren und weiterkämpfen.“

Entscheidungen in der katholischen Kirche werden nicht wie bei einer Revolution von heute auf morgen umgesetzt. Veränderungen benötigen einen langen Prozess. Dafür braucht es Kraft, Frustrationstoleranz und vielleicht auch ein wenig den Trotz eines Gallileo Gallilei: „Und sie bewegt sich doch.“

Bericht:  Marc-Bernhard Gleißner

Dr. Regina Görner wird beim tisch_gespräch ein leidenschaftliches Plädoyer für die Demokratie halten. Sich mit der Demokratie zu identifizieren, heißt aber nicht, immer recht oder eine Mehrheit für die eigene Meinung zu haben. Es bedeutet vielmehr sich anderen und anderer Meinungen auszusetzen. Dazu braucht es Frustrationstoleranz, eine Streitkultur  und die Bereitschaft, widerstrebende Ideen und die Vielfalt von Persönlichkeiten auszuhalten. Nur so bleibt Demokratie zukunftsfähig.

Wenn sie Menschen für ein Engagement in einer Partei oder einer größeren Organisation begeistern will, bekomme sie oft zu hören, dass dazu eine 100% Identifikation mit dem Programm notwendig sei. Sonst lassen sie es lieber gleich bleiben.

Görner, unter anderem ehemalige Sozialministerin im Saarland,  hält dagegen: Demokratie braucht Engagement und die Toleranz, auch in der Minderheit sein zu können. Identifikation mit der Demokratie braucht den Widerspruch, die Nicht-Identifikation mit Positionen und Themen. Demokratie und Politik können – wie die Menschen, die sie betreiben – nur unvollkommen sein. Doch gerade mit dieser Unvollkommenheit umzugehen, Unsicherheiten auszuhalten und auch für Minderheitenpositionen zu kämpfen, mache Demokratie aus.
Das Streiten für Demokratie stellt eine existenzielle Frage an unsere Gesellschaft: Wie wollen wir es miteinander aushalten?

Übertragung per ZOOM:
https://us06web.zoom.us/j/83938856561?pwd=UDMyVU0yMWZTOWlIeDhrTUp3UWFHZz09

 

Zur Person: Regina Görner (* 27. Mai 1950 in Trier) ist eine deutsche Gewerkschafterin und Politikerin (CDU). Von 1999 bis 2004 war sie Ministerin für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales im Saarland. Von 2000 bis 2016 gehörte sie dem CDU-Bundesvorstand an. 2010 trat sie den Lesben und Schwulen in der Union (LSU) als Zeichen gegen Diskriminierung bei, ohne jedoch selbst lesbisch zu sein. Seit 2012 ist Regina Görner Mitglied im Bundesvorstand der LSU. Seit 2021 ist sie Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO).

Zum Format: Die tisch_gespräche finden in der Kirche Herz Jesu statt. Die Bänke stehen in einem großen Sechseck, so haben die Teilnehmenden Blickkontakt. In der Mitte steht eine Tafel mit Speisen und Getränken für die Pause. Vor Beginn der Corona-Pandemie saßen die Teilnehmenden in kleinen Tischgruppen. In der Pause nach einem 30 – 45 minütigen Vortrag können die Teilnehmenden bei einem kleinen Imbiss miteinander ins Gespräch kommen. Eine Schlussrunde schließt das tisch_gespräch ab.

Das tisch_gespräch findet in Zusammenarbeit mit der Abtei St. Matthias statt – nach den interessanten Begegnungen mit Fulbert Steffensky (2020) und Schwester Philippa Rath OSB ( 2021).

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